1960

12. März 1960

12. März 1960

12. März 1960

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17. März 1960

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Zofinger Tagblatt, 18. März 1960:

Orchesterverein Zofingen
Sinfoniekonzert im Stadtsaal (17. März)

Gleich zwei Veranstalter appellierten auf gestern Donnerstagabend an die Solidarität der Musikfreunde: der Orchesterverein in Zofingen und die Theaterkommission in Olten; in beiden Sinfoniekonzerten traten Violinisten als Solisten auf: Anton Fietz und Ulrich Lehmann — zwei Künstler auf verheißungsvoll aufsteigender Laufbahn. Der Orchesterverein Zofingen hat erfolgreich geworben: es stellten sich recht erfreulich zahlreiche Besucher zum Sinfoniekonzert in den Stadtsaal ein, wobei der Anteil der Jugend auf dem Podium und im Parkett vielversprechend anmutet. Unter Musikdirektor  H u g o  F.  B r u n n e r  hat unser Musikleben einen sichtbaren Impuls zur Solidarität empfangen; wir wissen, dass unter seiner Leitung intensiv und mit großem Einsatz gearbeitet wird, und es reifen dabei Leistungen, die wirklich für jedermann interessant und für viele begeisternd sind. Der gestrige Abend schenkte nicht nur dem Solisten  A n t o n  F i e t z  rauschenden Beifall, sondern auch dem Dirigenten und den Orchestermusikern. Der gestrige Abend bezeugte eine neue Stufe der Ausbildung: das Konzert trug den Stempel eines großen Anlasses, wie er für Abonnementskonzerte in den Musikzentren der Schweiz üblich ist. Und dabei zeigte sich, dass der Orchesterverein seine Fähigkeiten nicht überspannt hat; er war sowohl der Mozart- als auch der Schubert-Sinfonie gewachsen und wusste den Solisten im Mendelssohn-Konzert ganz ausgezeichnet zu begleiten. Ein Dilettanten-Orchester ist nie am Ende der Ausbildung, und ohne kleinere Zwischenfälle kann selten ein Abend abgerundet werden; entscheidend ist jedoch der Gesamteindruck — und der war gestern sehr positiv. Das Ensemble ist mit neuen, jungen Leuten durchsetzt (weitere folgen vielleicht noch nach); es verrät eine sorgfältige und gewissenhafte Schulung und ein williges Mitmachen. Das technische Können hat sich im Zusammenspiel und in der Intonation erneut verbessert, auf einer neuen Stufe wird dann der Ausdruck noch freier, beschwingter, wird das Detail noch «selbstverständlicher» und die Dynamik noch nuancierter. Hugo F. Brunner schult gegenwärtig als neuer, im Aufbau befindlicher Dirigent offensichtlich das Technische, möge in künftigen Monaten das Poetische noch mehr zum Blühen kommen, wenn die «Grundlage» restlos gesichert ist.

Mozart, Mendelssohn, Bach, Schubert lautete der Vierklang des Abends, wobei Jugendwerke dominieren durften. Mozart hat seine A-dur-Sinfonie, KV 201, mit 17 Jahren zu Beginn des Jahres 1774 geschaffen, Mendelssohns Violinkonzert in d—moll trägt ebenfalls den Stempel jugendlicher Frische, und Franz Schubert huldigte als 19jähriger in der B-dur-Sinfonie mit Wiener Übermut dem Genius der Klassik; Johann Sebastian Bach war in den frühen Mannesjahren, als in Cöthen die stolze Reihe seiner Kammermusik-Werke entstand (darunter die Sonaten für Violine, Cello und Flöte, die Violinkonzerte, die Brandenburgischen Konzerte und so weiter). In der einleitenden Mozart-Sinfonie kam der Ernst der ausgefeilten Darstellung vielleicht zu stark zum Ausdruck; die verspielten und tändelnden Seiten dieses sonnigen Werkes wollten nicht so recht aufleuchten, die Rokokofiliaturen wirkten etwas verschliffen, Menuett und Allegro con spirito wohl um Stufen zu massig. In der ganzen Anlage verriet die Gestaltung jedoch erfolgreich angestrebte Klarheit und Temposicherheit. Prächtigen Vollklang, musikantischen Schwung, glückliche Anmut und ausgewogene Verteilung der Akzente verwirklichte H. F. Brunner in der Schubert-Sinfonie. Die mit ganz wenigen Zuzügern verstärkten Bläser erwiesen sich ihrem Part ausgezeichnet gewachsen, wobei Oboe und Flöte wohl ein Sonderlob verdienen. Die tiefen Streicher hatten etwas Mühe, gegen die brillanten ersten Violinen aufzukommen, die den schubertischen Grundklang vortrefflich wiederzugeben wussten. Dirigent und Musiker wurden nachhaltig und mit großer Sympathie für diese prächtige Leistung gefeiert.

Der Solist des Abends, Anton Fietz, gab dem beschwingten und köstlich frohen d-moll-Konzert von Felix Mendelssohn sonnige und echt wienerische Faktur: mit einem ganz dichten, eleganten und schmelzenden Ton, jugendlicher Verve und inniger Wärme — eine lebhaft applaudierte Darstellung, welche dem Werk restlos gerecht wurde. Das Orchester wurde durch den Solisten sichtlich beflügelt und versah die reine Streicherbegleitung mit höchst keckem Mut und prachtvollem Mitgehen. In der viersätzigen g-moll-Sonate für Violine allein zeigten sich die enormen Schwierigkeiten dieser Bachschen Wunderwerke, zumal Fietz in den Arpeggien des zweiten Satzes etliche Härten nicht zu vermeiden vermochte. Fietz packte die herrliche und sehr anspruchsvolle Sonate — sie bildete freilich einen Fremdkörper in diesem Programm — überraschend angriffig und tempogeladen an, kam dabei aber der barocken Weltgebärde über weite Partien überzeugend nahe und wusste den Kosmos, der in diesen lapidaren und zugleich innigen Werken aufgerichtet ist, sinnfällig aufzurufen. Auch für diese Leistung spendete das Publikum reichen Beifall. m.

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16. Juni 1960

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Zofinger Tagblatt, 17. Juni 1960:

Das Unterhaltungskonzert,

das der Orchesterverein Zofingen gestern Donnerstagabend im grünen Hof zwischen Stadtsaal und Garderobentrakt der Turnhalle schenkte, war mit einem reizvollen Sommerabend bedacht. Die Dämmerung fiel langsam ein, am eindunkelnden Himmel zogen die Schwalben ihre letzten Kreise, im Geäst von Birke, Rhus, Föhre und Trauerweide hatte ein eleganter Gartenrotschwanz seine eben flügge gewordenen Jungen versammelt, die erhobenen Arme der weiblichen Statue von Hermann Haller dienten einer lärmenden Amsel als Landeplatz. Das durch Trompeten, Posaunen und Schlagzeug ergänzte Orchester weist heute eine höchst imponierende Zahl von begeistert mitgehenden und gut geschulten Musikern auf; es mögen jetzt gegen dreißig sein! Musikdirektor  H u g o  F.  B r u n n e r  huldigte in einem farbigen und mit kleineren Ausnahmen ausgezeichnet gelungenen Konzert der beschwingten und befreienden Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts. Ein Militärmarsch von Franz Schubert eröffnete den Reigen. Johann Strauß durfte mit den «G‘schichten aus dem Wienerwald» und «Künstlerleben» den Hauptakzent des Abends setzen. Franz Lehar lockte mit dem bestrickenden Gold-und-Silber-Walzer; Giocchino Rossini mit der spritzigen Ouverture zu «Tancred». Und zum Abschluß klang der farbenprachtige, schmissige Marsch «Frühlingskinder» in den sternenhellen Abend hinaus. Die Darsteller waren bei ausgezeichneter Laune, ließen die Walzerklänge schmelzend wogen und liehen den Märschen Verve und Rasse. Die Bläser bildeten eine schöne Einheit mit den Streichern, so dass der Abend seinen Zweck vollauf erfüllen konnte.

Der Besuch war leider etwas bescheiden; schade. Ob er besser wird, wenn das Konzert etwas zentraler angesiedelt wird? Zum Beispiel auf dem Lindenplatz, wo die Abendspaziergänger mehr vorbeikommen? Es ist doch wohl die Aufgabe einer leichten Abendmusik, dass sie in voller Freiheit des Kommens und Gehens und einer gedämpften Konversation genossen werden kann. Im Stadtsaalhof hatten wir gestern zu stark den Eindruck eines richtigen, ernsten Konzertes; zudem fehlt bei der Postierung des Orchesters auf der Terrasse und der seitlich aufgestellten Stühle der unmittelbare Kontakt zwischen Musiker und Zuhörer. Vielleicht lohnt sich versuchsweise eine Serenade auf dem Lindenplatz. Wir freuen uns heute schon darauf und danken herzlich für das gestrige Unterhaltungskonzert. mi

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27. November 1960

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Zofinger Tagblatt, 28. November 1960:

Kirchenkonzert des Orchestervereins Zofingen

Zum ersten Adventsonntag eine der Musik geweihte Feierstunde zu verbringen, fanden sich am Abend aufnahmebereite Hörer in der Stadtkirche zu Zofingen ein. Der Orchesterverein hatte zu seinem Kirchenkonzert ein Programm vorbereitet, das ausschließlich Werke von Meistern der Instrumentalmusik verzeichnete, Neben Bach, Händel und Mozart war auch Haydn vertreten; die drei Erstgenannten mit Kompositionen kirchlichen Charakters, Haydn mit einer seiner schönsten Sinfonien.

Die Eröffnung der Vortragsfolge war dem Solisten des Abends, dem Organiston Willy  H a r d m e y e r  (Zurich) anvertraut. Er spielte zunächst die Fantasie und Fuge in c-moll von J, S. Bach. Schon der gewaltige sinfonische Prolog in der Fantasie ließ aufhorchen, und die anschließende klar gegliederte Fuge bekräftigte die außerordentlichen Qualitäten dieses Künstlers, Er besitzt eine virtuos durchgebildete Fingertechnik und verbindet damit eine glänzende Beherrschung des Pedals. Aber noch erstaunlicher ist seine Registratur. Von seinem Stilgefühl zeugte auch, wie er im Anschluss an die Bachsche Fantasie und Fuge den Solopart in Händels Orgelkonzert Nr. 4 in F-dur interpretierte. In dieser stark homophonen Komposition hatte Willy Hardmeyer zunächst Gelegenheit, beim Vortrag der längeren Soli im ersten Allegro, die mehr auf feierlich-festlichen Glanz als auf besondere gedankliche Tiefe gestimmt sind, seine Meisterschaft in der Beherrschung des <königlichen Instrumentes» zu beweisen. Die pastoralen Triolenfigurationen im Andante haben besonders angesprochen. Im Schlusssatz hatte man Gelegenheit, neuerdings die Großartigkeit des Händel-Stils zu bewundern. Schließlich hat Willy Hardmeyer noch aus dem Orgelschaffen Mozarts die Fantasie in f-moll auf das Programm gegeben. Sein meisterliches Spiel wirkte auch in der stilreinen Interpretation der Mozart-Fantasie unmittelbar und nachhaltig auf die Hörer. Unter Hardmeyers Händen präsentierte sich die umgebaute Orgel in unserer Stadtkirche vorteilhaft von allen klanglichen Seiten.

Der Orchesterverein hatte sich sowohl in der Begleitung des Solisten zum Händel-Konzert wie in Mozarts Kirchensonate und ganz besonders einprägsam beim Vortrag der Haydn-Sinfonie eine überaus anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Unter der strengen, zielstrebigen Leitung von H u g o  F.  B r u n n e r  ist das Können sowohl der Streicher wie der Bläser erfreulich gefestigt und im allgemeinen klanglich geadelt worden. In der Begleitung zum Händel—Konzert waren es ganz besonders die Streicher, welche eine farbige, beschwingte Klangfülle entfalteten. Der Wechsel zwischen Tutti (Orchester) und Solo (Orgel) wirkte effektvoll; man freute sich auch an der Vielseitigkeit der auf unserer Orgel möglichen Klangkombinationen.

Von Mozart weiß man, dass sich unter dem geradezu unerschöpflichen Reichtum seines der beglückten Nachwelt hinterlassenen Meisterwerkes nicht weniger als siebzehn Kirchensonaten befinden. Gedacht sind diese Sonaten als instrumentale Einschiebung zwischen Gloria und Credo, oder präziser gesagt, zwischen der Epistel und der Evangelienlesung der Messe. Infolgedessen hatte sich der Komponist der Kürze zu befleißen. Mozart unterzog sich dieser Konzentration und fand trotzdem noch Gelegenheit, die instrumentale Besetzung seiner Kirchensonaten recht mannigfach zu gestalten, Ein Heidelberger Universitätsprofessor F. J. Thibaut machte den meisten Kirchenstücken Mozarts den Vorwurf: «sie tragen ganz und gar das Gepräge der weltlichen Oper. Von Mozart selbst wird behauptet, er habe, als Messen bei ihm bestellt wurden, «protestiert, weil er nur für die Oper gemacht sei». Die Wiedergabe der vom Orchesterverein Zofingen sorgfältig einstudierten Mozartschen Kirchensonate war nun keinesfalls von einem «Gepräge der weltlichen Oper» charakterisiert; aber sie zeichnete sich auch nicht durch hymnische Feierlichkeit aus.

Die Sinfonie Nr. 86 in D-dur von J. Haydn, mit deren profilierter Wiedergabe das Orchester und sein anfeuernder Leiter eine sehr beachtliche und lobenswerte Leistungsprobe ablegten, gehört zu jenen Werken des Komponisten, die — namentlich in den Ecksätzen — einen mehr elegischen Grundton einhalten. Sie erfordert vom Dirigenten eine minutiöse orchestrale Präzision und von den Instrumentalisten ein williges Eingehen auf die Intentionen des Leiters. Die Aufführung am Sonntagabend in der Stadtkirche hat die ganz besonders charakteristischen Elemente der Haydnschen Sinfonik im allgemeinen sinnvoll hervorgehoben. Dabei sei den Streichern wiederholt ein verdientes Lob gezollt. Sie brillierten nicht nur in den mitunter etwas zu massiv geratenen Fortissimi des Gesamtorchesters, sondern beglückten durch die edel singenden Pianostellen. Auch von den Holzbläsern ist Gutes zu berichten; nur war — trotz dem minutenlangen Einstimmen vor Beginn der Sinfoniewiedergabe — die harmonische Reinheit nicht immer peinlich gewahrt. Ein Bravo dem Solotrompeter für seine virtuose Leistung im abschließenden Allegro con spirito.

Das Kirchenkonzert erbrachte in seinem ganzen Verlauf den erfreulichen Beweis, dass der Orchesterverein Zofingen unter seiner jetzigen arbeitsfreudigen und kunstsinnigen Leitung den vielverheissenden Leistungsaufstieg durchhält. A. M. 

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