1970

27. März 1970

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Zofinger Tagblatt, 31. März 1970:

Stimmungsvolle Passionsmusik
Konzert des Orchestervereins Zofingen in der Stadtkirche

Der Karfreitag, dieser Tag der Stille und Einkehr, kann auf verschiedene Weise begangen werden; neben den Gottesdiensten und Abendmahlfeiern hat aber die Musik gerade in dieser Zeit eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, vermag sie doch oft besser als menschliche Worte die Zuhörer zu erheben, sie zur Selbstbesinnung zu bringen, sie zu trösten und zu erfreuen. Es hat daher nicht überrascht, dass der Einladung des Orchestervereins Zofingen zu einer Passionsmusik in der Stadtkirche am Abend des Karfreitags von zahlreichen Musikfreunden Folge geleistet wurde.

Der Orchesterverein erwies sich als sorgfältig auf seine Aufgabe vorbereitet, und es schien, als habe man ihn seit langem nicht mehr so musizierfreudig und diszipliniert gehört. Trotz der Weite des Kirchenraums strahlte das ganze Konzert eine Intimität aus, wie sie guter Hausmusik zu eigen ist. Das kam bereits in der Suite in g-moll von Johann Sebastian Bach zum Ausdruck. Hans-Peter  T s c h a n n e n  legte sie breit und getragen an, ohne dass die mehrsätzige Komposition schwerfällig wirkte. Hingegen ermöglichte es diese Interpretation dem Orchester, die Einzelheiten herauszuarbeiten und auszuspielen. Das Zusammenspiel war erfreulich gut. Kurz, diese Bach-Suite «lag» dem Orchester, kam seinen Möglichkeiten entgegen. Es war eine schöne Aufführung, zu deren Gelingen Heidi  M ü h l e t h a l e r  durch ihr kräftiges, energisches Cembalo-Spiel nicht wenig beigetragen hat. In eine nicht unbedingt leicht zugängliche Welt führte das auf sieben Sängerinnen und vier Sänger erweiterte Vordemwalder Lehrerquartett, das — ebenfalls unter der Leitung von Hans-Peter Tschannen — fünf Motetten zu fünf Stimmen von Heinrich Schütz, dem Begründer des musikalischen Frühbarocks in Deutschland, sang. Eine eigentümliche Stimmung herrscht in diesen Gesängen, etwas Herbes, zugleich aber auch Glaubensstarkes und Inniges. Erinnerungen an Renaissance-Madrigale steigen auf, und doch sind diese Motetten weitgehend eigenständig und bilden zugleich die Grundlage zum Schaffen Bachs. Das Lehrerquartett hat — in kleinerer Formation — sein Können bereits genügsam unter Beweis gestellt; es hat auch nach seiner Verstärkung nicht an Einsatzfreudigkeit, an Dynamik, verloren. Sein Gesang ist im Gegenteil dichter geworden, die sängerische Sicherheit ist noch gewachsen, was deutlich beim Intonieren zum Ausdruck kam. Wenngleich der Sopran alles überstrahlte, so dominierte er doch nicht die übrigen, glänzend aufeinander abgestimmten Sänger. Die fünf Motetten hinterliessen bei den Zuhörern einen starken Eindruck.

Mit Elisabeth  Z i n n i k e r  als Solistin und dem Oboisten Dieter W i l d gelangte zum Abschluss der Passionsmusik die Bach-Kantate «Mein Herze
schwimmt im Blute» zur Aufführung. Das Orchester übte seine Begleitfunktion mit grossem Verständnis aus. Dieter Wild ist — wie er schon oft bewiesen hat — ein Meister seines Faches, der sein Instrument in technischer Hinsicht jederzeit beherrscht. Seine echte Musikalität ist über jeden Zweifel erhaben. Kein Wunder, dass die beiden Sopran-Arien, die er begleitete, zu einem Erlebnis wurden! Dass in unserer Region eine Sopranistin vom Range von Elisabeth Zinniker lebt und wirkt, darf als besonderer Glücksfall bezeichnet werden. Ihre helle, selbst in den hohen Lagen weitreichende Stimme hat an Intensität noch gewonnen. Auch der Wechsel zwischen Bangen und Jubel, zwischen Trauer und Freude gelang ihr ausgezeichnet. Alle Beteiligten, unter ihnen Wolf Giroud als Solobratschist. haben dazu beigetragen, dass die Kantate eine erfolgreiche Widergabe erfuhr und dass die Passionsmusik als Ganzes einen würdigen Abschluss des diesjährigen Karfreitages bildete. -rk.

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29. Oktober 1970

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Zofinger Tagblatt, 31. Oktober 1970:

Echtes Ensemblespiel — frohes Musizieren
Das Sinfoniekonzert des Orchestervereins Zofingen

Lädt der Orchesterverein Zofingen zu einem Konzert ein, so kann er mit Gewissheit darauf zählen, dass diesem Ruf von einer grossen Anzahl Freunden und Gönnern Folge geleistet wird, zum Teil aber auch von Leuten, die nur selten ein anderes Konzert besuchen. Letzteres war am vergangenen Donnerstagabend besonders deutlich der Fall, was dazu beitrug, dass nur wenige Plätze frei waren. Animierend wirkte auch das Programm, das Werke von Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart verhiess. Hier wurde wieder einmal die geschickte Hand des Orchesterleiters spürbar, der Kompositionen auszuwählen weiss, die dem Können des Orchesters angepasst sind; Hans-Peter Tschannen ist sich bewusst, was er seinen Leuten zumuten kann und entsprechend handelt er bei der Werkauswahl. Es sei vorweggenommen, dass er das Orchester während des ganzen Abends sicher geführt und ihm durch seine deutliche Zeichengebung über manche Klippe hinweggeholfen hat. Es ist ihm im Verlaufe der letzten Jahre auch gelungen, das Ensemblespiel erheblich zu verbessern und die Spielfreudigkeit zu steigern. Anderseits leistet ihm das Orchester freudig Gefolgschaft und setzt sich immer wieder und «mit frohem Mute» für seine schöne Aufgabe ein. Was man bei Gastspielen von Berufsorchestern immer wieder vermisst, der letzte Einsatz und die Freude am Musizieren — sie sind bei Aufführungen von Laienspielern, wie sie im Orchesterverein zu finden sind, in erheblichem Ausmass zu erkennen. So waren denn auch die Bedingungen für das Gelingen des Konzertes vom Donnerstagabend von Anfang an gegeben.

Das Konzert begann mit der Sinfonie Nr. 5 in B-dur von Franz Schubert, einem Schmuckstück der frühromantischen Musikliteratur, das 1816 entstanden und auch von Liebhaberorchestern durch eingehende Probenarbeit zu bewältigen ist. Der erste Satz, ein Allegro ohne langsame Einleitung, erklang beschwingt und doch straff, wobei die elegische Zartheit voll zur Geltung kam; klangschön und recht differenziert wurde das Andante con moto gespielt, während im Menuetto (Allegro molto) die rhythmischen Wechsel mit Geschick herausgearbeitet wurden. Das kräftige Allegro vivace erinnerte klanglich in manchem an Beethoven; die Frische der Interpretation war sehr erfreulich.

Ein weiteres Kabinettsstiick im Schaffen Schuberts ist sein Offertorium «Der Hirt auf dem Felsen» für Sopran, obligate Klarinette und Klavier, wobei einzig die Bezeichnung «Offertorium» nicht gerechtfertigt erscheint. (Als Offertorium wird im allgemeinen ein Teil der Messe bezeichnet, und mit der Messe hat diese doch recht weltliche Komposition wahrhaftig nichts gemeinsam!) Als Interpreten standen die einheimische Sopranistin Elisabeth  Z i n n i k e r, der junge Klarinettist Rolf  G m ü r  und Hans·Peter  T s c h a n n e n, der den Klavierpart übernommen hatte, zur Verfügung. Es scheint uns, als hätten wir die Sängerin kaum je einmal so gelöst und ausdrucksstark gehört. Mit perlender Stimme gab sie die technisch anspruchsvollen Läufe wieder; ihre vielleicht nicht sehr starke, aber immer tragende und biegsame Stimme konnte sich voll entfalten, in der Höhe wie in der Tiefe, und vor allem verdient die Kultiviertheit ihrer Crescendi volle Beachtung. Mit einem Wort, diese Schubert-Komposition «lag» der Sängerin in ganz besonderem Masse. Kongenial unterstützt wurde sie durch Rolf Gmür, der sich auch im folgenden Klarinettenkonzert in A-dur, KV 622, als ausgezeichneter Musiker erwies.

Ueber das Klarinettenkonzert, das wenige Wochen vor dem Tode seines Schöpfers komponiert worden ist, schreibt Alfred Einstein: «Der einzigartige Zauber dieses Werkes der höchsten Reife entzieht sich jeder Beschreibung». Und Kurt Pahlen weist auf die ‘Noblesse der Linien, die Innigkeit der Melodie und den lyrischen Inhalt dieses letzten Konzertes von Mozart hin. Gerade hier, in diesem nur scheinbar einfachen Stück, hat das Orchester sein Bestes gegeben, etwa im Zusammenspiel mit dem Solisten, von dem das Gelingen der Aufführung recht eigentlich abhängt. Das Allegro wurde rasch, leicht und im ganzen recht exakt wiedergegeben, das Adagio erklang getragen und feierlich, worauf das Rondo hell und klar ertönte und auch den lyrischen Partien voll Rechnung getragen wurde. Rolf Gmür beherrscht sein Instrument auch in den tiefen Lagen auf ungemein schöne Weise, sein Spiel war beseelt und klangschön. Eine wirklich überzeugende Leistung! Das Publikum spendete begeisterten Beifall und }erzwang damit die Wiederholung des zweiten Satzes des Klarinettenkonzertes. -rk.

  1971